Tanz auf Darkover

Bedeutung des Tanzes

Bringe drei Darkovaner zusammen und sie werden einen Tanz veranstalten.
(aus: „Gildenhaus Thendara“)

So und in ähnlicher Form formuliert, wird das Verhältnis der Darkovaner zum Tanz beschrieben. Sie sind ein Volk, das gerne tanzt, für die der Tanz ein fester und natürlicher Bestandteil ihrer Kultur ist. Für einen Darkovaner ist es unnatürlich, dass man nicht tanzen kann oder es sogar ungern tut. Schon von kleinauf lernen die Kinder der Comyn zu tanzen.

Du hast sicher nicht gewusst, dass das Tanzen für die Kinder hier ein wichtiges Unterrichtsfach ist. Linnell und ich haben es beide gelernt, als wir eben laufen konnten. Ich hatte nur die Grundausbildung - danach wechselte ich zu Kampfübungen über -, aber Linnell hat die Kunst des Tanzens seitdem ständig studiert.
(Lew Alton zu Kathie Marschall; Sharra’s Exil, X)

Anders als in unserer Gesellschaft und vor allem unserer Zeit gilt es nicht als weibisch oder verweichlicht, wenn man auch als Mann tanzen kann und dies sogar gerne tut.
Für einen darkovanischen Mann ist es eine Selbstverständlichkeit. Im Gegenteil wird es einem Mann nicht hoch angerechnet, wenn er des Tanzes nicht mächtig ist. Denn wie könnte er sich mit dem Schwert behaupten, wenn er nicht einmal tanzen kann und keine behände Fußarbeit zustande bringt? Besteht denn nicht auch der Schwertkampf aus behänder Fußarbeit?

Dies muss sich auch Bard di Asturien von seiner Verlobten Callina anhören.

„Ich bin nicht sehr gut im Tanzen oder einer anderen dieser höfischen Künste.“ Wieder lächelte sie ihn an und zeigte ihre Grübchen.
„Wenn du leicht genug auf den Füßen bist, um ein Schwertkämpfer zu sein - und Beltran erzählt mir, dass du nicht deinesgleichen hast - dann solltest du auch ein guter Tänzer sein. Und weißt du nicht mehr, dass wir als Kinder zusammen Tanzunterricht hatten? Du willst mir doch nicht erzählen, dass du das Tanzen seit damals, als du zwölf Jahre alt warst, vergessen hast!“
(Bard di Asturien & Callina di Asturien; in „Die Zeit der Hundert Königreiche“; I)

Vor allem unter den Comyn ist es ein Zeichen mangelnder Erziehung und bei den Frauen von Anmut, die darkovanischen Tänze nicht zu beherrschen. Eben die Tatsache, das Bard di Asturien nicht tanzen kann, verstärkt Carlinas Abneigung gegen ihn noch und vermittelt dem Leser ein gewisse Art der Rohheit und Unkultiviertheit bei Bard. (Was mit dazu führt, dass dieser Hauptcharakter bei vielen Lesern wenig Sympathie findet.)

Im Gegensatz dazu tut Lew Alton auf Vainwal alles, um seine eingerosteten Tanzfertigkeit zu entschuldigen, und es scheint ihm peinlich zu sein.

Ihr werdet mir verzeihen müssen, wenn ich Euch auf die Füße trete. Ich habe seit vielen Jahren nicht mehr getanzt. Es ist eine auf Terra nicht sehr hoch bewertete Kunst, und ich habe mich während meines Aufenthalts dort nicht an Orten aufgehalten, wo das Tanzen üblich war.
(Lew Alton in „Sharras Exil“; II)

Seine Bedenken sind jedoch unbegründet und die Beschreibung des Tanzes von Dio und Lew – wenn auch nicht unbedingt darkovanischer Art – zeigt deutlich, wie eng darkovanische Männer und Frauen dem Tanz verbunden sind. Sie bewegen sich in einem perfekten, gemeinsamen Rhythmus.

Er bewegte sich so leicht wie der Wind, und nach ganz kurzer Zeit gab sich Dio der Musik und der reinen Freude am Tanz hin. Sie passten gut zusammen. Dio merkte gleich, dass sie mit einem Darkovaner tanzte, denn nirgendwo im zivilisierten Imperium gab es ein so für den Tanz begeistertes Volk wie auf Darkover.
(aus: “Sharras Exil“; II)

In „Die Erben von Hammerfell“, wird noch einmal dargestellt, wie wichtig der Tanz in der Gesellschaft Darkovers ist.

… , bevor sie sich… dem Tanz, dem wichtigsten Bestandteil aller darkovanischen Geselligkeit, widmeten.

Ein Gespräch zwischen Magdalene Lorne und Wade Montray in „Gildenhaus Thendara“ zeigt noch einen weiteren Aspekt auf, den die Leidenschaft zum Tanz für die Darkovaner mit sich bringt.
Es ist die Anmut, die Haltung, die ganz Art zu gehen und sich zu bewegen. Ein Mensch, der tanzt – viel und gerne – entwickelt automatisch eine gänzlich andere Körperhaltung und eine eigene Art sich zu bewegen. Eben die Schönheit, die einer Frau, die nicht des Tanzes mächtig ist, fehlt, wie Lew Alton in „Sharras Exil“ (Kapitel 10; S.407) sagt. Das Zitat deutet ebenfalls an – wie das obrige von Lew Alton – das die mangelnde Bereitschaft und Liebe der Terraner zum Tanz ihr Ansehen unter den Darkovanern nicht besonders fördert.

„Das erklärt“, meinte Magda, „wie Sie es überhaupt fertig bringen, sich als Darkovaner auszugeben. Sie gehen nicht ganz wie der durchschnittliche Terraner, der überhaupt nicht weiß, wie er sich bewegen soll. Mir ist aufgefallen, dass Sie Anmut besitzen. Die Darkovaner halten die meisten Terraner für unglaublich tölpelhaft.
(Magda über Wade Montray’s Tanzkenntnisse in „Gildenhaus Thendara“; Teil 3, I)

Ebenso bewegt sich, um den Vergleich mit dem Schwertkampf aufzugreifen, auch ein geschulter Krieger gänzlich anders als jemand, der dies nicht ist. Tänzer wie Schwertkämpfer müssen geschickt mit den Füßen sein ohne diese im Auge zu haben, sozusagen blind ihren Füßen vertrauen können. Ein Stolpern über die eigenen Füße kann für beide fatal sein, bei einem Tänzer im Ansehen, bei einem Krieger für sein Leben. Tänzern wie Kriegern wird nicht umsonst oft eine katzenartige Anmut zugeschrieben.

pyrrhic.jpgDiese Verbindung zwischen Tanz und Kampf findet sich sogar schon in der Antike. So meinte Sokrates, dass die Tänzer die besten Krieger seien und der Feldherr Epaminondas war als glänzender Tänzer berühmt. Den Phrynichos (nicht der Tragiker selben Namens) wählten die Athener um 459 v. Chr. angeblich wegen seiner Geschicklichkeit im Schwerttanz zum Strategen. (Der Tanz, Max v. Boehn, S.32)

In Sparta, das in seiner Lebensordnung rigoros militarisiert war, wurde der „Tanz gradeswegs als Vorübung bei der militärischen Ausbildung seiner Männerwelt für den Krieg betrachtet“. (Der Tanz, Max v. Boehn, S.35)

Durch den Tanz glauben die Darkovaner sich von den Tieren abzugrenzen.

Vieles können auch die Tiere, aber es heißt: Nur Menschen lachen, nur Menschen weinen, nur Menschen tanzen.“
(Magda in „Gildenhaus Thendara“; Teil 3, I)

Lachen und weinen trifft in dieser Hinsicht sicherlich zu, die Behauptung über den Tanz bei Tieren ist jedoch relativ zu sehen. Denn z.B. enthält das Balzverhalten gewisser Vögeln auch einen „Balztanz“. Max v. Boehn führt in seinem Buch „Der Tanz“ mehrere Beispiele dafür auf, dass der Tanz auch von Tieren ausgeführt wird und er nicht alleine „Vorrecht des Menschen“ ist. Genannt werden dabei der Werbetanz des Taubers um das Weibchen, Solotänze der Auerhähne oder sogar „Gesellschaftstänze“ bei Kiebitzen.
Im Unterschied zur Tierwelt hat der Mensch den Rhythmus des Tanzes „zur bewussten Kunstform“ entwickelt und „den Rhythmus absichtlich gepflegt“.

Aber selbst dann, ist der Tanz im weiteren Sinne immer noch oft ein Werbeverhalten wie es in der Tierwelt vorkommt. Vor allem das perfekte Beherrschen komplizierter Tänze ist ein (unbewusstes?) Produzieren und Beeindrucken, durch das der Tänzer Ansehen gewinnt.

Tanzen ruft ein einheitliches Empfinden hervor und fördert ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Dies war sicherlich bei den Überlebenden der Bruchlandung ein wichtiges Element, das das Zusammenwachsen der verschiedenen Parteien der Gestrandeten förderte und damit auch die Überlebenschancen der gesamten Gruppe verbesserte. Dieser Aspekt mag mit ein Grund sein, weshalb der Tanz in der darkovanischen Gesellschaft einen solch hohen sozialen Wert einnimmt.

Tanz und Sittlichkeit

Paartänze im heutigen Sinne sind auf Darkover nicht unbedingt üblich. Allein die enge Tanzhaltung ist für Darkover undenkbar, da die moralischen Konventionen und die Vermeidung der engen Berührung unter Telepathen dies gar nicht zulassen. In den Büchern wird dies zwar nicht explizit beschrieben, in „Sharras Exil“ jedoch lässt sich erkennen, das eine enge Tanzhaltung nicht zu dem gehört, was für einen Comyn als gewöhnlich gilt. Dio ist sich bei dem engen, intimen Tanz, der auf Vainwal angespielt wird, nicht sicher, ob Lew die daraus folgende körperliche Berührung akzeptieren wird. In dieser Situation wird auch der Gesichtspunkt des telepathischen deutlich, den Dio spürt alleine durch den leichten Druck des Armes, was in Lew vorgeht.

(…) als die Musik in eine langsamere, romantische Weise überging und die Paare um sie einander näher rückten, Wange an Wange legten, sich beinahe umarmten, bewegte sie sich instinktiv auf ihn zu. Einen Augenblick war er steif, regungslos, und sie fragte sich, ob er auch die körperliche Berührung ablehnen würde. Doch dann fasste sein Arm sie fester.
Obwohl seine geistige Abschirmung ganz dicht war, spürte sie allein durch den leichten Druck seines Arms, wie ausgehungert er war …

(aus: „Sharras Exil“, II; S. 62,)

Dennoch scheint diese Tanzhaltung bei manchen Tänzen (ab der Zeit der Terraner?) dazu zu gehören. In „Sharras Exil“ werden auf dem Mittsommerball in Kapitel 10 mehrere Tänze erwähnt, die eine vertrautere Paarhaltung voraus setzen. Auch wenn sie normalerweise distanzierter sein dürfte, wie man nach folgendem Beispiel vermuten kann:

Bruder und Schwester tanzten in so enger Umarmung, dass sie hätten Liebende sein können, und am liebsten wäre ich wütend auf die Tanzfläche gestürmt und hätte Lerrys daran erinnert, dass Dio mein war …
(aus „Sharras Exil“, X, S. 428)

Eine weitere Ausnahme könnte bei einer „Walzerhaltung“ jedoch der Secain sein, der nur wage und widersprüchlich beschrieben wird. Der Tanz gilt als temperamentvoll und stammt vermutlich aus den Bergen. Die Männer führen in „Der Untergang von Neskaya“ wilde Sprünge beim Secain aus. In „Zandrus Schmiede“ gilt der Tanz als so skandalös, dass ihn nur verheiratete Paare tanzen dürfen und scheint eine enge Tanzhaltung zu beinhalten, die gegen die wilden Sprüngen spricht. Es mag wohl auch – unausgesprochen – die Tatsache sein, das Eduin und Dyannis gerade diesen Tanz miteinander tanzen, die Varzil so sehr aufbringt.

Sie (Eduin & Dyannis) wirbelten im Raum unher und schienen die anderen Paare nicht zu bemerken. An jedem anderen Abend wäre das unangemessen, wenn nicht sogar skandalös gewesen, das ein unverheiratetes Paar öffentlich den Secain tanzte (…) Eduin beugte den Kopf dicht zu dem seiner Partnerin und hatte den Arm beschützend um sie gelegt.
(aus „Zandrus Schmiede“, S.203)

Da das einfache Volk nur wenig Erwähnung in den Darkover-Büchern findet, ist es schwer zu sagen, welche Tänze vorwiegend von diesem und welche von den Comyn getanzt werde. Durch die Bruchlandung haben aber beide einen gemeinsamen Ausgangspunkt für alle Tänze auf Darkover und die Grundlagen blieben somit dieselben, als sich die Comyn mit und mit etablierten. Zudem werden sich – wie in der Entwicklung der Historischen Tänzen auch – beide Seiten Tänzen des anderen übernommen und angepasst haben.
Da dem einfachen Volk das Element der Telepathie – zumindest in dem breiten Umfang wie den Comyn – fehlt, werden die Tänze des Volkes freier und ungezwungener sein. Unter den Comyn hingegen unterliegen die Tänze dem Anstand und der Schicklichkeit, bieten aber auch in ihrer zeremoniellen Form und zu fortgeschrittener Stunde die Möglichkeit zur Begegnung in einer relativ unverfänglichen Form. Soweit dies die Konventionen zulassen.

Auf dem Mittwinterball in „Zandrus Schmiede“ werden diese beiden gegensätzlichen Aspekte anschaulich beschrieben. Auf der einen Seite steht Varzil, der es unterbinden will, dass seine Schwester mit einem seiner Freunde tanzt, obwohl dies noch immer im Rahmen der Schicklichkeit ist. Auf der anderen Seite werden lockere Tänze angesprochen, bei denen die Regeln des Anstandes zu fortgeschrittener Stunde gedehnt werden.

Selbst hier, an einem Hof im Tiefland, ist es völlig akzeptabel, dass ein enger Freund ihres Bruders sie zum Tanz bittet, und das wäre sogar so, wenn es nicht Mittwinter wäre.(…) Und alles geschieht in vollkommener Öffentlichkeit, also, was soll es schon schaden?
(Carolin zu Varzil in Zandrus Schmiede, S. 204)

Die Tänze wurden immer lebhafter und weniger geordnet, und es gab viele Möglichkeiten für die Paare zu Augenkontakt und vielleicht sogar zum Rauben eines Kusses.
(Zandrus Schmiede, S. 205)

In „Die Zeit der Hundert Königreiche“ wird der Anstand, der beim Tanz vor allem für die Frauen zu wahren ist, immer wieder betont. Das Reglement verbietet es jungen Mädchen und Frauen ohne anwesende Gatten oder Brüder, mit Fremden zu tanzen. Bei Festen wird, um auch diesen das Tanzen zu ermöglichen, zu Reigen aufgespielt, die alleine den Frauen vorbehalten sind.
In „Sharras Exil“ nutzt Kennard Alton dieses Reglement dazu, Lew dazu zu bringen, mit Dio zu tanzen: …für ein junges Mädchen ist es nur ein kärgliches Vergnügen, mit ihren Brüdern zu tanzen, wie ich meine Pflegeschwester und jetzt meine Pflegetöchter sich habe beklagen hören. … Aber Ihr seid zu jung, um in einem öffentlichen Lokal wie diesem mit anderen Männern als mit Verwandten zu tanzen …
(Kennard Alton zu Dio Ridenow auf Vainwal; Sharras Exil; S.56)

Eine weitere Art der Sittlichkeit ist, dass bestimmte Konventionen niemals überschritten werden, egal wie sehr es akzeptiert wird. Nicht einmal an einem Tag wie Mittsommer, wo ansonsten Freizügigkeit erlaubt ist und sittliche Konventionen gelockert sind.

Natürlich, nicht einmal zu Mittsommer tanzten Männer in Thendara bei Paartänzen miteinander.
(Gildenhaus Thendara, Teil 3, Kapitel 1)

Dies zeigt, dass die von den Dichtern hoch gepriesene „Donas Amizu“, die „Gabe der Freundschaft“, dann doch nicht in aller Öffentlichkeit vorgeführt werden darf, sondern eher im Privaten gelebt wird. Sie wird auch nur dann hoch gepriesen, wenn es dennoch Ehefrau und Kinder gibt.

Tanz und Volksglaube

Da der Tanz auf Darkover einen solch hohen Stellenwert einnimmt und fester kulturelle Bestandteil ist, werden ihm auch besondere „Fähigkeiten“ zugesprochen.
Aus der Entstehungsgeschichte des Tanzes heraus ist dies nicht ungewöhnlich. Immer noch gibt es bei Naturvölkern Tänze, die z.B. die Geister milde stimmen sollen, die Fruchtbarkeit fördern, die Ernte oder einen Sieg im Krieg sichern sollen.
Der in den Darkover-Büchern immer wieder erwähnte Glaube im Bezug auf den Tanz bezieht sich darauf, möglichst bald einen Ehepartner zu finden.
Dabei tanzt der/die Suchende mit der Braut oder dem Bräutigam auf dessen Hochzeit oder zu Mittwinter oder Mitsommer mit einem jungen Bräutigam oder jungen Braut. Dieser Glaube ermöglicht es den jungen Frauen und Mädchen auf bestimmten Festen auch mit anderen Männern zu tanzen als ihren engsten Verwandten. Zugleich symbolisiert ein solcher Tanz auch, dass die tanzenden Männer und Frauen für eine Heirat bereit sind und präsentieren sich damit.

Ein vermutlich aus den Anfängen der darkovanischen Geschichte heraus entstandener Glaube, als ein Partner bzw. Kindsvater eine essentielle Notwendigkeit und für die Frau eine Sicherung ihres Ansehens in der Gesellschaft war und später auch ihres Lebensunterhaltes. Eine unverheiratete (und folglich kinderlose) Frau ist in der darkovanischen Gesellschaft mit einem Makel behaftet, und so wird jedes junge Mädchen danach streben, das dieser ihr nicht anhaftet und sie nicht von der Gesellschaft gemieden wird.

„Wenn ich zu Mittwinter mit einer jung verheirateten Frau tanze, werde ich heiraten, bevor das Jahr zu Ende ist!“
(Der Verbotene Turm, S. 249)

Der Tanz mit einer Braut ist für jeden Mann, der noch im gleichen Jahr heiraten möchte, ein mächtiges Zaubermittel!
(Die Zeit der Hundert Königreich, S. 187)

Wenn du an Mittwinter mit einem Bräutigam tanzt, wirst du innerhalb eines Jahres selbst verheiratet sein, heißt es.
(Herrin der Stürme, S. 269)

Tanz und Tradition

Bestimmte Tänze werden der Tradition gemäß bestimmten Ereignissen oder Personen zugeordnet. Der Mittsommerball in Sharras Exil bietet da wieder einige Beispiele.

Mondscheintanz

Paare traten auf die Tanzfläche, um den Mondscheintanz zu beginnen, der der Tradition nach ein Tanz für Verlobte ist…. Dio fühlte sich warm und vertraut in meinen Armen an… der Rhythmus der Musik pochte in meinem Blut
(Sharras Exil; X)

Auch hier scheint es wieder eine Paarhaltung zu geben, was damit verbunden sein kann, dass dieser Tanz traditionell Verlobten vorbehalten ist. Bei diesen wäre es nicht unschicklich, sondern für eine bevorstehende Verbindung vorteilhaft, den Abstand zwischen den Tanzenden zu verringern.
Auch der schnellere Rhymthmus mag da mitspielen, dass sich die Verlobten näher kommen. Möglicherweise stammt die Tradition und der Tanz noch aus einer Zeit, in der arrangierte Ehen unter den Comyn noch weit häufiger waren als zur Zeit von „Sharras Exil“.

Tanz nach einer Verlobung

Der Tanz, der auf eine Verlobung folgte, war der Tradition zufolge immer ein Tanz für verheiratete oder verlobte Paare. Callina führte Beltran auf die Tanzfläche, aber sie berührten sich nur mit den Fingerspitzen. (…) sie schritten hinein in den gemessenen Reigen.
(Sharras Exil; X)

Ein Reigen, der von Paaren getanzt wird. Die langsame Art des Tanzes betont die Feierlichkeit der voran gegangen Zeremonie. Möglich, das der Reigen von dem frisch verlobten Paar angeführt wird.

Mitternachtstanz

„Deshalb wirst du für den Mitternachtstanz einen anderen Partner finden müssen, Darling.“ Sie blickte gleichgültig im Saal rundum. „Ich werde wohl mit Beltran tanzen…“
(Sharras Exil; X)

Was dies für ein Tanz ist, wird nicht näher erwähnt, jedoch wird auch hier wieder mit einem festen Partner getanzt, wie sich aus dem auf das Zitat folgenden Text ergibt. Wie es der Name sagt, ein traditionell zu Mitternacht getanzter Tanz. Vorzugsweise wieder mit verlobten Paaren, was jedoch nicht zwingend notwendig zu sein scheint.

Die Tänze

Die Tänze Darkovers, wenn sie auch nicht präzise beschrieben sind, lassen sie sich zum einen in die Tanzart und zum anderen in den „sozialen“ Stand der Tanzenden einteilen. Wobei Zweitere durch die vorwiegende Beschreibung der Comyn in den Büchern und die wechselseitige Beeinflussung von Volk und Comyn eine ungenauere Einteilung als die der Tanzarten ist.

Um die Tänze auf Darkover zu betrachten, sollte man sich auch Marion Zimmer Bradley’s Lebensweg ansehen, um verstehen zu können, was sie möglicherweise beeinflusst hat (wie bei vielen Aspekten Darkovers).
Da ist einmal der Square- und Contra-Dance, mit dem sie in ihrer Jugend in Neuengland und/oder ihrer Zeit in Texas Kontakt gehabt haben dürfte/könnte. Zudem war Marion Zimmer Bradley nicht nur Mitglied sondern sogar Mitbegründerin und Namensgeberin für die SCA (Society for Creative Anachronism), die aus einer Art mittelalterlicher Gartenparty bei Diana L. Paxson, MZB’s enger Freundin, entstand. (s. SCA - Intro und History.Westkingdom.org - First Tournament). Von dort aus wird Marion Zimmer Bradley auch einiges an Erfahrungen im Historischen/Höfischen Tanz gesammelt haben, die in die Darkover – Romane mit einflossen.

Bei den Tanzarten kristallisieren sich zum Ersten die Gassentänze (Kontratanz) heraus. Diese werden zumeist als Paar getanzt, wobei es je nach Figurenfolge zu Partnerwechseln kommt, der Körperkontakt hingegen auf gelegentliche Handhaltung beschränkt bleiben kann. In einer Gesellschaft wie Darkover, wo streng auf die – äußerliche – Tugend der Frau geachtet wird, dem Mann jedoch sämtliche Freiheiten zugestanden werden, ein sehr wichtiges Element. Ebenso bei der Tatsache, dass die Telepathen Darkovers unnötigen Körperkontakt vermeiden und es z.B. ein Händeschütteln zur Begrüßung wie in unserem Kulturkreis, nicht gibt.

Die zweite, vorherrschende Tanzart sind die Reigen. Diese werden in den Büchern vor allem dann erwähnt, wenn die Frauen entweder ganz alleine tanzen oder die Geschlechter sich nicht vermischen.

Desweiteren gibt es noch Tanzspiele, wie sie auf der Hochzeit auf Armida in „Der verbotene Turm“ Erwähnung finden, und Schautänze, wie den in dieser Art vornehmlich erwähnten Schwerttanz.

Reigentänze

Die Art der Kreistänze gilt wohl zu den ältesten Tanzformen überhaupt. Dabei tanzt man im geschlossenen oder offenen Kreis und fasst sich dabei an den Händen. Oder aber auch am Unterarm, Gewand, Tüchern, oder die Tänzer halten ein Seil.(Die alten Tänze, Agnes Schoch, S. 27)
Beim offenen Reigen gibt es immer einen Vortänzer, der am Anfang des Reigens steht und die Richtung angibt. So kann der Vortänzer den ganzen Reigen durch verschlungene Muster führen, wie z.B. Spiralen oder Schlangenlinien. Die Schrittfolgen sind dabei festgelegt, da sie die einzelnen Tänze definieren.

„(Reigen) sind in erster Linie Gemeinschaftstänze, bei denen viele Menschen zur gleichen Zeit die gleiche Bewegung machen und somit eine Einheit darstellen.“
(Hinrich Langeloh, S. 70)
Da die Reigen meist als offener Kreis begonnen wurden, konnten sich auch noch Nachzügler dem Tanz anschließen, in dem sie sich einfach an die Kette hinten anhängten. Es war danach nicht unbedingt zwingend, dass sich der Kreis schließen musste.

Ein Kreistanz an sich, ist in seiner Grundstruktur nicht besonders kompliziert aufgebaut und ist auch von jemandem, der ihn nicht kennt, schnell zu lernen. Dies stellen auch die Terraner auf Aldaran in „An den Feuern von Hastur“ fest.

Die Musiker stimmten eine Tanzweise an, und die Eingeborenen stellten sich zu einem Kreistanz auf. Ein paar von den abenteuerlustigeren Terranern, auch Zeb Scott war darunter, ließen sich überreden, daran teilzunehmen.
(aus „An den Feuern von Hastur“; Kapitel 18)

Bei den Frauentänzen fällt die althergebrachte paarweise oder gemischte Aufstellung, wie z.B. bei den Branlen, weg. In den Romanen werden die Reigen jedoch nicht nur als reine Frauentänze erwähnt.

Sie machte mit einem Dutzend anderer Mädchen und junger Männer einen Kreistanz.
(aus „Die Erben von Hammerfell“, Kapitel 8) Sie gab den Musikanten ein Zeichen, und sie begannen, einen Ringtanz zu spielen. Ginevra fasste Melisandra bei der Hand und zog sie auf den Tanzboden, und viele Frauen und junge Mädchen, die zu jung waren, um mit Fremden zu tanzen, oder Frauen, deren Männer oder Brüder anderswo Aufgaben hatten, strömten ihnen nach.
(aus „Die Zeit der Hundert Königreiche“, S.188)

Namentlich erwähnt wird nur der Anhazak – Kreistanz als ein Reigen in den Darkoverbüchern. Da er als Gegenstück zum Secain genannt wird, scheint dieser Tanz ein sehr ruhiger und gemessener zu sein. Der vielleicht sogar vorwiegend vom einfachen Volk getanzt wird, da er im Zusammenhang mit der Feldforschungsarbeit der Terraner genannt wird.
Andere Kreistänze und Reigen werden in den Büchern immer wieder nur kurz angedeutet und lediglich wage beschrieben. Eine genaue Beschreibung oder Bestimmung ist daher nicht möglich. Jedoch drängen sich anhand der kurzen Schilderungen Entsprechungen zu z.B. Branlen der Renaissance auf.
Der Anhazak – Kreistanz kann dabei mit dem schlichten Branle Double verglichen werden, der als Urform des Branle gilt und nur aus doppelten Beistellschritten, dem Double-Schritt, nach rechts und links im Wechsel besteht.

Glücklicherweise stimmten die Musiker einen neuen Kreistanz an. Das ganze junge Volk strömte zusammen, lachte und warf bei den wilden Sprüngen die Fersen hoch.
(aus „Herrin der Falken“; Kapitel 5)

Durch die Sprünge mit den hochgeworfenen Fersen bei diesem Tanz liegt der Vergleich zum Branle des Cheveaux nahe, der als „Pferdetanz“ ein passender Tanz bei den MacArans wäre.

Eine Gruppe Kadetten in Schwarz und Grün führten einen kraftvollen Tanz mit viel Gestampfe auf.
(aus „Gildenhaus Thendara“; Teil 3, Kapitel 1)

Als Tanz mit Gestampfe wird der Branle des Sabots beschrieben. Dabei wird nach einer Abfolge von doppelten und einfachen Beistellschritten (Branle double, Branle simple Schritte) dreimal mit dem rechten Fuß gestampft.

… fand sich Magda neben Jaelle wieder, die nach einem schnellen Springtanz atemlos eine Pause machte.
(aus „Die Zerbrochene Kette“; Kapitel 13)

Springtänze sind sehr häufig und diese Nennung lässt eine Bestimmung kaum zu. Auch ist nicht gesichert, ob dieser Springtanz zu den Reigen gehört, obwohl sich diese meist ähneln oder nur Varianten sind. Bei den Branlen von Thoinot Arbeau (s.Wikipedia: Arbeau) gibt es den Branle „Pinagay“, der mit Sprüngen ausgeführt wird.
Für einen Darkovaner (hier zudem einer Entsagende), der diese Tänze gewohnt ist, dürfte dieser Tanz jedoch nicht dazu führen, das er eine Pause zum ausruhen benötigt. Ein Branle mit weit mehr Sprüngen ist der Branle Gay, der Fröhliche Branle, der keine Beistellschritte besitzt, sondern gänzlich aus Sprüngen, den sogenannten Pied en l’air (franz. „Fuß in der Luft“) besteht.

Nach dem ersten zeremoniellen Tanz versammelten sich die jüngeren Leute zu einem Kreistanz, alle jungen Männer im äußeren Kreis, alle Mädchen und Frauen im inneren. Nach einer Weile wurde der Tanz ziemlich wild.
(aus „Herrin der Falken“; Kapitel 5)

Dies könnte ein jeder Branle sein, der als eine Variation in zwei Kreisen getanzt wird, der die Geschlechter voneinander trennt. Dadurch mag die Schicklichkeit gewahrt werden, wie sie sich für unverheiratete Frauen geziemt. Die beiden Kreise ermöglichen jedoch eine versteckten Blickkontakt und führen, bei gegenläufiger Bewegung dazu, dass man sich immer wieder einem anderen Tanzpartner gegenüber sieht.
Das der Tanz nach einer Weile wild wird, mag bedeuten, das sich die ausgeführten Schritte verändern oder das sich das Tempo der Musik beschleunigt und der Versuch der Tänzer dem beizuhalten, wild ausfällt. Dies kennt wohl jeder, der schon einmal die Schiarazula getanzt hat, bei dem die immer schneller werdende Musik wie ein Wettkampf zwischen Musikern und Tänzern anmutet, der darum geht, wer länger durchhält.

Paartänze

… nach den Gruppentänzen kamen die Paartänze…
(aus „Die zerbrochene Kette“, S.145)

Wie schon erwähnt gleichen die Paartänze Darkovers nicht unseren heutigen Paartänzen wie Walzer oder Cha-Cha-Cha. Sie sind im Sinne der Kontratänze zu verstehen, wo man zwar einen Tanzpartner besitzt, diesem aber gegenüber steht und durch die Figuren des Tanzes schreitet. Die Berührung im Paartanz unterliegt auf Darkover ähnlichen Grundlagen wie beim Historischen/Höfischen Tanz.
„Paartänze hatten seit jeher ihren Stellenwert als Kontaktaufnahme zwischen Mann und Frau, uns so war es schon von gewisser Bedeutung, wie und wo man den Partner anfassen durfte. (…) Abbildungen von vornehmen Paaren zeigen (…) jedoch, dass der körperliche Kontakt auf das Notwendigste reduziert war.“
(Renaissance-Tänze nach Arbeau, Hinrich Langeloch, S. 17)
Man versucht sich einfach einmal vorzustellen, wie zwei Telepathen aus der Ebene, wo es der Frau geboten ist, niemals den Blick zu heben und vom Mann verlangt wird, seinen Blick von einer unverheirateten Frau abzuwenden, versuchen in enger Tanzhaltung zu tanzen ohne das sämtliche Gebote von Schicklichkeit, Anstand und Ehre übertreten werden. Und es zudem zu keinem übermäßigen oder unerwünschten telepathischen Kontakt zwischen ihnen kommt.

Obschon dieser logischen Folgerung in Hinblick auf Laran und Moral scheint es doch gelegentlich Paartänze mit einer „Walzerhaltung“ zu geben. Oder zumindest in einer Art, die einer aufgeforderten Dame bei manchem Partner unangenehm ist.

Die Musik ging in einen Paartanz über. Romilly sah, daß Dom Garris entschlossen auf sie zukam. Sie faßte Alderics Ärmel und flüsterte: „Wollt Ihr mich zum Tanz auffordern, Dom Alderic?“ „Aber sicher“, antwortete er lächelnd und führte sie davon.
(Romilly MacAran und Alderic Castamir in „Herrin der Falken“; S. 78)

Bei den Paartänzen erwähnt Marion Zimmer Bradley den einen oder anderen Tanz, der sich auch in den historischen Tänzen, vorzugsweise denen der Renaissance, wieder findet. Bei diesen Nennungen ist es nicht schwer, nachzuvollziehen wie der Tanz getanzt (oder geschritten) wurde und wie sogar die Musik dazu zu klingen hätte. Andere Paartänze werden wie die Reigen nur erwähnt und es finden sich nur bruchstückhafte und schwer nachvollziehbare Beschreibungen.

Die Gigue

Die Gigue findet nur an einer einzigen Stelle der Romane.

Gleichzeitig nahm seine Müdigkeit ab, und wenn er jetzt auch nicht aufspringen und eine Gigue tanzen wollte, so war er zumindest nicht mehr so müde, dass er kaum noch aufrecht sitzen konnte.
(Mikhail Hastur in „Die Schattenmatrix“, S. 113)

Die Gigue gewann erst zum Ende der Renaissance und im Barock an Bedeutung und wurde von Arbeau gar nicht erwähnt und von Thomas Morley (1597) als Nebentanz gezählt wird. In der musikalischen Suite setzt die Gigue jedoch den Schlussakzent.
Der Tanz stammt ursprünglich aus Schottland und Irland. Der Name „Gigue“ stammt aus dem Französichen, in Italien wurde er „Giga“ genannt, zudem trug er Namen wie Jigge, Gigg, Gigge, Jegg, Jegge und Jig. Die heute oft getanzte Chapelloise soll eine Art der Gigue sein, diese entspricht jedoch nicht den historischen Schritten der Gigue. Der Tanz lässt sich jedoch auf die Musik von verschieden Gigue’s und Jig’s ausführen. Der bekannte „Gathering Peascods“ erscheint in John Playford’s „Englisch Dancing Master“ als „Alleyns Jig“ als einer von mehreren Jigs dieser Ausgabe.
Die Gigue ist, wie im Zitat zu erkennen, ein fröhlicher Tanz, der vorwiegend gehüpft wurde. Er beinhaltete Chassés (Seitgalopp-Schritte), flache Hüpfer, Capriolen und Assemblés (Schlusssprung auf beide Füße).

Durch seine fröhliche und ausgelassene Art wird sich die Gigue sowohl bei Comyn und Volk Beliebtheit erfreuen.

Die Pavane

Die Pavane findet im selben Buch wie die Gigue mehrfache Erwähnung und dort wird auch eine mehr oder weniger nachvollziehbare Beschreibung geliefert. Ob ein Übersetzungsfehler oder Absicht, heißt der Tanz im Deutschen „Pafan“.

„Ich hoffe, wir können den Pafan zusammen tanzen, Mira“, sagte der Junge.
Mira lächelte ihn fröhlich an. „Da ich ihn die ganze Woche geübt habe, hoffe ich das ebenfalls. Es wäre schade um den ganzen Unterricht.“

(Danilo Hastur und Miralys Elhalyn in „Die Schattenmatrix“; S. 478)

Miralys Antwort zeigt, dass dies kein Tanz ist, den man schnell lernt und beherrscht, bzw. bei dem eine stümpferhafte Darbietung auf einem Ball eine Blamage wäre. Das Mädchen hat sich trotz ihrer Jugend ernsthaft auf diesen Ball vorbereitet.

Die Tänzer standen sich in zwei Reihen gegenüber, verbeugten sich oder machten einen Knicks, und bewegten sich dann zur Mitte, um sich die Hände zu reichen und zunächst vier Schritte Richtung der Empore zu marschieren. Dann beugten sie die Knie und machten vier weitere Schritte, bevor sie sich erneut an den Händen fassten und jedes Paar einen Kreis beschrieb, der die Tänzer gegenüber von ihrer Ausgangsposition platzierte.
Sie begegneten sich erneut in der Mitte und wiederholten die Bewegungen in der umgekehrten Richtung, nur mit dem Rücken zu den Musikern.

(aus „Die Schattenmatrix“; S. 483)

Der Tanz muß trotz Miralys ernsthafter Vorbereitung nicht so schwer zu sein, denn Marguerida beherrscht ihn recht schnell, wenn auch recht unbeholfen. Doch auch sie hebt hervor, dass sie anscheinend nicht so schlecht ist, das sie weder sich noch ihren Tanzpartner Mikhail Hastur blamiert.

Die Pavane gehört von ihrer Art her zu den Aufzügen und Repräsentationstänzen und „eröffnete (…) jedes königliche Tanzfest“ (K.H. Taubert; S.62).
Da dieser Tanz ein Fest eröffnet, stellt er die Möglichkeit dar, sich noch im vollen – und ordentlich sitzendem – Festgewand zu präsentieren. Dem Herrn war es gestattet, neben dem Hut bei der Pavane auch das Schwert zu tragen, was Teil der Repräsentation und der Verdeutlichung des Ranges war. In der Pavane wird die Rangfolge und Bedeutung der Tanzenden hervorgehoben, denn es ist „nicht gleichgültig, ob man zur Pavane in einer der vorderen oder einer der hinteren Reihen“ (Agnes Schoch; S. 45) schreitet. Nur wage wird dies auch in der Pavane in „Die Schattenmatrix“ angedeutet. Jedoch ist es eher unsicher, dass die Platzierung der Tanzenden nach ihrem Rang geschieht.

Mikhail zog Marguerida mit sich weg. Er führte sie zu einem Platz in der Mitte der Reihe, zwischen Dani und Mira Elhalyn auf der einen Seite und Dyan Ardais und Darissa d'Asturien auf der anderen. (…)
Robert (Aldaran) nahm Gisela nur am Arm und führte sie an die Spitze des Zuges (…).

(aus „Die Schattenmatrix“; S.481)

Würde sich hier die Rangfolge der Tanzenden in der Pavane widerspiegeln, würde Lord Aldaran sicherlich nicht die Reihe der Tanzenden anführen sondern in diesem Fall wohl Danilo Hastur und Miralys Elhalyn, gefolgt von Mikhail Hastur mit Marguerida Alton, gefolgt von Dyan Ardais mit seiner Partnerin. Unter der Berücksichtigung, dass andere hochrangige Tänzer nicht erwähnt sind.

Thoinot Arbeau gibt in seiner Orchésographie eine recht „darkovanisch“ anmutende Anweisung für den Blick, den die Frau zur Vorführung ihrer Tugendhaftigkeit bei der Pavane darzubieten hat:
Die Damen beobachten eine bescheidene Haltung, senken die Augen, und sehen die Zuschauer nur zuweilen mit einem Blick voll jungfräulicher Verschämtheit an.

Durch ihren außerordentlichen repräsentativen Charakter ist die Pafan kein Tanz, der großen Zuspruch beim einfachen Volk gefunden haben dürfte. Es ist ein überaus höfischer Tanz.

Secain

Der schon mehrfach erwähnte Secain gehört ebenfalls zu den Paartänzen. Seine Art ist nicht ganz deutlich. Mal wird er als wild und mit Sprüngen beschrieben, dann tanzt man ihn in einer engen Umarmung, ein drittes Mal wird er als Kontrast zu einem geruhsamen Reigen genannt. Daher ist es schwer zu bestimmen, womit dieser Tanz vergleichbar ist oder wie er aussehen könnte.

Kontratänze

Kontratänze werden in den Darkover – Romen in verschieden Variationen beschrieben und angedeutet. Genau so, wie es z.B. im Square Dance die verschiedensten Kontratänze gibt. John Playford gab 1651/57 mit seinem „Englisch Dancing Master“ ein ganzes Tanzbuch über Country Dances, wie sie früher auch hießen, heraus. Darin enthalten sind auch die oben bei der Gigue genannten Jigs.
Die bei Marion Zimmer Bradley augenscheinlich vorherrschende Art sind die sogenannten „Longways“, bei denen sich zwei Reihen von Tänzern gegenüber stehen. Meist auf der einen Seite die Frauen, auf der anderen die Männer.
Anders als die bisher genannten höfischen Tänze wie Gigue und Pavane (oder auch Courante, Gaillard und Menuett) werden die Country Dances nicht mit einem festen Schritt getanzt. Sie werden einfach gegangen, was es jedem leicht macht, an diesen Tänzen teilzunehmen.
Ein weiterer Aspekt, der die Kontras interessant macht, ist die Möglichkeit zum Partnerwechsel.

Eine recht ausführliche Beschreibung eines Kontratanzes findet sich auf dem Mittsommerfest in „Herrin der Falken“ auf Falkenhof:

„Mistress Romilly? Jetzt kommt ein Kontertanz. Wollt Ihr meine Partnerin sein?“ Romilly ließ sich von Alderic in die sich bildende Formation ziehen. Es waren sechs Paare – allerdings bestand eines aus Rael und der elfjährigen Jessamy Storn, die ihren Partner um einen halben Kopf überragte.
Sie stellten sich einander gegenüber auf. Darren und Jeralda Storn, die die ersten in der Reihe waren, umkreisten jedes Paar in den komplizierten Figuren des Tanzes. Dann kam Alderic an die Reihe, und Romilly faßte vertrauensvoll seine Hände (…) wandte ihre Aufmerksamkeit den Schwierigkeiten des Tanzes zu.
Als die Figur zu Ende war, stand sie Darren gegenüber, beim nächsten Mal ihrem Bruder Rael. Cinhil drückte ihr in der kurzen Zeit ihrer Partnerschaft die Hand und lächelte. Romilly schlug die Augen nieder und gab ihm das Lächeln nicht zurück. (…)
Nun brachte der Tanz sie mit Dom Garris zusammen. Auch er lächelte und drückte ihre Hand. Sie errötete und hielt ihre Hände kalt und steif gegen die seinen, sie nur eben berührend, wie der Tanz es erforderte. Es war eine Erleichterung für sie, als die nächste Runde sie wieder an ihren ursprünglichen Platz und zu Alderic brachte.

Bei diesem Kontra scheinen die Paare die Figuren nacheinander auszuführen und am Ende einen Partnerwechsel auszuführen. Gemeinhin werden bei einem Kontra alle Figuren von allen Paaren gleichzeitig ausgeführt oder in einer abwechselnden Folge von geraden und ungeraden Paaren, die beim Beginn des Tanzes durch durchzählen bestimmt werden.

Der in „Die Zeit der Hundert Königreiche“ beschriebene Tanz beinhaltet ebenfalls Partnerwechsel, jedoch kann dies auch in den beim Kontra üblichen Kreuzwechseln geschehen. Bei diesem Tanz hat es den Anschein, dass Bard und Callina nicht für eine längere Zeit voneinander getrennt werden, sondern immer wieder zueinander geführt werden. Es scheint hier ein stetes hin und her zu geben, so als besäße die Dame – und auch der Herr – mehrere Partner, jedoch nur einen mit dem sie den Tanz beginnt und beendet und der sie quasi von einer Figur zur nächsten führt. Ein Tanz mit solchen Figuren wäre z.B. der „Hearts Ease“ von Playford, bei dem abwechselnd eine Figur mit dem Partner und dem Kontrapartner ausgeführt wird. Der Tanz trennte die Paare und brachte sie in verwickelten Figuren wieder zusammen. Während sie sich fanden und verloren, ihre Hände sich faßten und lösten, gewann Bard den Eindruck, daß Carlina seine Hand mit weniger Widerstreben berührte.
(aus „Die Zeit der Hundert Königreiche“; 1. Buch Kapitel 1)

Der Kontra – Tanz bietet als Longway mit seinen Figuren, die mit dem Partner oder dem Kontra-Partner getanzt werden, die schickliche Kontaktaufnahme mit dem anderen Geschlecht. Es gibt die Möglichkeit, einer Angebeteten oder dem Angebeteten näher zu kommen, einen Blick oder ein Wort unter den Augen der anderen Tänzern zu wagen. Durch diese Öffentlichkeit, in der dieses Miteinander von Statten geht, behält es den Rahmen der Schicklichkeit und des Anstandes, der sonst in der Darkovanischen Gesellschaft (bekanntlich vor allem unter den Comyn) gewahrt wird. Dies verdeutlicht auch das zu Beginn genannte Zitat von Carolin in Zandru’s Schmiede.

Schautänze

Schwerttanz

schwerttanz.jpgDer bekannteste (und einzig erwähnte) Schautanz auf Darkover ist der Schwerttanz. In Hasturs Erbe wird er als einer der ältesten und barbarischsten Bergtänze genannt, der eine besondere Dramatik besitzt.
Tatsächlich ist er einer der Tänze, dessen Ursprung bis zur Landung auf Darkover zurück verfolgt werden kann.

Zwei Männer, Moray und der große rothaarige Alastair, brachten einen Schwerttanz dar, wobei sie zum Klang des Bläsers behände über die funkelnden Klingen sprangen.
(aus: „Die Landung“, Kapitel 13)

Gemeinhin wird dieser Tanz den Ardais zugeschrieben, jedoch liegt das Privileg dieses Tanzes nicht allein bei ihnen. In Hasturs Erbe wird erwähnt dass dieser Tanz auf dem Mittsommerball in Thendara gewöhnlich vom besten Tänzer Thendaras vorgeführt wird. Dyan Ardais scheint zu dieser Zeit aber einer der Meister im Schwerttanz zu sein.
Zum Schwerttanz gehört die Musik von Dudelsäcken, die gedämpfte Beleuchtung durch Fackeln und ein „urtümliches, buntes“ Kostüm, dessen Ursprung angeblich im Zeitalter des Chaos verloren ging.
Die Schritte des Tanzes verlangen Konzentration, Geschick und Körperbeherrschung. Nicht vielen gelingt es sie alle zu kennen und auch umzusetzen. Es gibt nicht viele Amateure, nicht einmal in den Hellers, die immer noch alle traditionellen Schritte und Bewegungen kennen.(…) waren durch den strengen Ernst jenes alten Tanzes beeindruckt (…) Er war vollständig auf die alten Schritte konzentriert, die sich kompliziert und vorsichtig ineinander verwoben.
Der Tanz trägt eine stolze, fast tigerhafte Maskulinität zur Schau, und Dyan verlieh ihm gezügelte Leidenschaft. Als er im letzten Bild die Schwerter aufhob und sie gekreuzt über dem Kopf hielt, hörte man keinen Laut in dem Ballsaal.

(aus: „Hasturs Erbe“; Kapitel 8)

Die exzellente Ausführung des Schwerttanzes verbindet sich in der Figur von Dyan Ardais mit der Aussage, ein guter Schwertkämpfer sei ein guter Tänzer. Dyan Ardais gilt als der beste Schwertkämpfer der Garde. Und so kann man auch das am Eingang angeführte Beispiel des Pyrichos nachvollziehen, wenn die Athener einen Mann zum Strategen wählen, der den Schwerttanz meisterhaft beherrscht.
Der Schwerttanz ist eine Demonstration des Körperbeherrschung, der Geschicklichkeit und der Selbstkontrolle.
Der Schwertkampf auf Darkover scheint aber, obwohl auch zu zweit getanzt, keine Ähnlichkeit zum Phyrrischen Schwerttanz oder dem Bouffon in Arbeaus’s Orchésographie zu haben. Den in diesen Tänzen werden die Klingen in den Händen gehalten und während des Tanzes gekreuzt.
Aus den Textbeispielen geht jedoch hervor, dass die Klingen während des Tanzes auf dem Boden liegen (vermutlich gekreuzt) und sie erst am Ende des Tanzes vom Tänzer aufgehoben werden. Es ist anzunehmen, das die Schritte des Tanzes zwischen den Schwertern gekreuzt werden und die Geschicklichkeit erfordert, nicht auf die Klingen zu treten oder sich selbst durch ein streifen zu verletzten. Das mal der Tanz mit zwei Tänzern, mal nur von einem Tänzer ausgeführt wird, verleiht dem Tanz einen weitern Zusatz in Sachen Geschicklichkeit, denn mit zwei Tänzern ist er nicht nur ein Schautanz, sondern auch ein Wettstreit zwischen den beiden Tänzern.

Tanzspiele

Zwar werden die Spiele hier als Tanzspiele aufgeführt. Jedoch sind sie auch durchaus ohne das Element des Tanzes zu spielen. Und vielleicht auch so in den Büchern gedacht.

Kuss – Tanzspiel

Alle nahmen am Tanz teil, sogar die gesetzte Leonie nahm für ein paar Takte den Arm von Lord Serrais. Man vergnügte sich mit lärmenden Spielen. Auch hier musste Andrew bei einem mitmachen, das unter unverständlichen Regeln eine große Küsserei vorsah.
(aus: „Der Verbotene Turm“, Seite 67)

Die im Tanzspiel auftauchende Küsserei spricht von der Freude und Ausgelassenheit des Festes. Ebenso von der Ungezwungenheit der Gesellschaft. Für einen Terraner wie Andrew, in dessen Gesellschaft es offensichtlich nicht (mehr) derartig (ländliche?) Feste gibt, sehr befremdlich. Ob dieses Spiel wirklich in Verbindung mit Tanz gespielt wird, ist nicht ganz erkennbar. In Arbeau’s Orchésographie wird ein Tanz aufgeführt, in dem sich die Tänzer küssen. Dies ist die Gavotte. „Die Gavotte ist eine Kombination verschiedener Branles Doubles. (…) Nachdem die Paare einige Zeit zusammen im Kreis getanzt haben, tanzt das erste Paar alleine unter den Augen der anderen. Ist das Solo beendet, so darf der erste Tänzer alle Tanzerinnen und die erste Tänzerin alle Tänzer küssen. Anschließend beginnt das zweite Paar in der Mitte, und so geht es weiter, bis alle Paare ihr Solo hatten.“
(aus: „Renaissance-Tänze der Orchésographie nach Thoinot Arbeau“ , Hinrich Langeloh; S. 64)

Blinde Kuh

Beide machten fröhlich beim Tanzen mit und ebenso bei den einfachen Spielen. Eins davon war Blindekuh nicht unähnlich. Einem Mann und einer Frau wurden die Augen verbunden, und sie mussten sich innerhalb der Menschenmenge suchen.
(Der Verbotene Turn, Seite 249)

Bedarf das Zitat noch mehr Erläuterungen? Sicherlich nicht.

Resume

Abschließende Worte

Viele Vorstellungen, die sich in meinem Kopf über den Tanz auf Darkover entwickelt hatten, musste ich bei der Arbeit an diesem Artikel revidieren und überdenken. Ich musste mir eingestehen, dass Gedanken meinerseits zwar durchaus logisch und verständlich für die Darkovanische Kultur wären, die Bücher mir bei gründlicher Recherche aber andere Zitate liefern, als ich es für die Beweisführung gerne gehabt hätte.
Vor allem trat dies bei den Paartänzen und der „Walzerhaltung“ zu Tage. Im Artikel habe ich aufgeführt, weshalb ich diese Haltung unter Darkovanern, vorzugsweise Comyn für unrealistisch halte. Die Bücher sprechen da aber eine andere Sprache. Oder, um es genauer zu sagen, vor allem in „Sharra’s Exil“ ist diese Art des Tanzes vorrangig. In anderen Büchern hat MZB mehr auf eine „sittlichere Tanzhaltung“ geachtet. So wechselt die Art des Tanzens von Buch zu Buch sowie von Epoche zu Epoche. Gleich bleibt aber immer das Motiv, dass junge, unverheiratete Frauen nicht mit Fremden tanzen (sollten/dürfen).

Tanz ist auf Darkover sehr wichtig. Es ist ein bedeutendes Element der Kultur und des Selbstverständnis. Es ist Teil des sozialen und moralischen Gefüges. Nicht zu tanzen oder nicht tanzen zu können, wird von anderen Darkovanern als peinliches Handicap betrachtet.
In der darkovanischen Gesellschaft ist der Tanz ein Mittel der Kontaktaufnahme unter den Geschlechtern. Des Ausdrucks der Freude, von Festlichkeit, ja sogar in gewisser Weise von Religiösität. Denn für einen Darkovaner ist ein Fest ohne Tanz kein Fest.

Quellenangaben

Neben den Darkover-Romanen habe ich folgendes zur Hintergrundrecherche verwendet:

Zitiert wird aus:

  • Der Tanz, Max von Boehn
  • Renaissance-Tänze der Orchésographie nach Thoinot Arbeau, Hinrich Langeloh
  • Die Alten Tänze, Agnes Schoch
  • Höfische Tänze, Karl Heinz Taubert

Hintergrundwissen wurde zudem „angesammelt“ aus:

  • Tanzen und Springen, Ingrid Engel
  • Altenglische Country Dances aus Playford’s Dancing Master – Band 1, Roswitha Bush-Hofer
  • Geschichte und Erbe des Modernen American Square Dance, Zusammenstellung von Hans Burger
  • Brockhaus Multimedia 2006
  • Wikipedia
  • Tempus-Vivit.de – Tanzentwicklung im Mittelalter und Renaissance
  • Ungarische Volktänze, György Martin
  • Tänze der Bretagne, Moyland
  • Tanzen mit Mozart, Verena Brunner

Praktische Erfahrung durfte ich bei Carol David-Blackman im Square Dance sammeln sowie erste praktische historische Tanzerfahrung bei Susanne Rühling.



Beara Delleray 2009/11/16 20:23

 
tanz.txt · Zuletzt geändert: 2010/02/28 13:46 von beara
 
Recent changes RSS feed Creative Commons License Donate Powered by PHP Valid XHTML 1.0 Valid CSS Driven by DokuWiki